Der Bär ist sehr brummig und das ist nur verständlich: er muss heute in der Schule schlafen.

Ein Projekt, findet er, das nur Streberinnen anstelle eines ordentlichen Abschlussfestes mit Pizzaessen oder Grillabend anzetteln können. Dass sich auch die Unterrichtenden Schöneres vorstellen können, als die Nacht mit 21 kichernden und einander knuffenden Fünftklässlern im Klassenzimmer zu verbringen, ist ihm herzlich egal.
Selber schuld, knurrt er,
sie hätten es ja verbieten können. Und nach zwei Stunden Strafhäkeln statt Pingpongturnier in der letzten Primarschulhandarbeitsstunde seines Lebens hat er zudem zähnefletschend beschlossen, seinen Lehrkräften nun doch kein Geschenk mitzubringen. Obwohl er ein nettes Präsent besorgt hat, nachdem er entschied:
Sie mussten sich schliesslich auch jahrelang mit mir herumärgern.
Ich überlasse diese Entscheidung ihm. Schliesslich haben die Pädagoginnen mit satten schwarzen Kreuzchen im Zeugnis vergangener Jahre sein Sozialverhalten aufs Schärfste gerügt.
Da muss man sich nicht wundern.
chamäleon123 - 25. Jun, 16:07
Irgendetwas fehlt meistens.
Strenge oder gütige Milde. Konsequenz. Humor. Ehrgeiz oder Versunkenheit. Genuss und Askese, abwechslungsweise. Gelassenheit, fast immer. Ruhe, Zeit. Das Gefühl, irgend etwas von alldem zumindest ziemlich richtig zu machen. Der Überblick. Realistische Perspektiven, was Arbeit 2 angeht. Pläne, diesbezügliche. Gute Vorsätze, die auch tatsächlich einzuhalten wären (ich meine: "Morgen werde ich ein besserer Mensch!" Tststs!). Zielstrebigkeit, Organisation. Eine "delete"-Taste für diese Nebel-Gedanken. Der gute Wille. (Ach Wille, der Ärmste! Nie ist er gut genug, auch er!). Anerkennung, manchmal Respekt. Zweifellos Intelligenz. Die Fähigkeit, den Mund zu halten.
Unter anderem.
chamäleon123 - 23. Jun, 08:08

Ich frage mich, ob in Zahnarztanästhetikum eine Art Ablöscherchemikalie drin ist. Aber ernsthaft.
Vielleicht ist es aber auch bloss das
Sommerwetter.
chamäleon123 - 22. Jun, 22:58
Ich war ein wenig befangen. Würde mich der berühmte Hohepriester mit einem Blick aus seinen dunklen, geheimnisvollen Augen weihen? Und würde ich das Richtige tun? Schliesslich war es lange her, seit ich das letzte Mal eine Kirche betreten hatte. Und die komplizierten Rituale – der demütige Kniefall im richtigen Moment, die gemurmelten Antworten auf den feierlichen Sermon des Priesters und die korrekten Handzeichen – die angestrengte Konzentration darauf hatte mich schon als Kind von der vorgeschriebenen Besinnung abgehalten. Trotzdem liess ich mich von einem Besuch nicht abhalten – ich meine: die Lage! Der Ort! Die Stadt! Die Adresse nämlich adelte den Tempel um ein Vielfaches: mitten am Pariser Prachtboulevard Champs-Elysées.
Mit einem ängstlichen Blick zu den beiden grimmigen Messdienern an der Türe betrat ich also den Tempel. Und erstarrte in Ehrfurcht. Die Erbauer hatten keinen Aufwand gescheut, der hier praktizierten Religion mit irdischer Pracht zu huldigen: an den Wänden edle Natursteinplatten, zweifellos aus den entferntesten Winkeln der Erde an diesen heiligen Ort gebracht, am Boden erlesenste Materialien. Kostbare Lampen hüllten den riesigen Raum in feierliches Licht, unzählige Messdienerinnen und -diener bewegten sich mit andächtiger Geschmeidigkeit in den grossen Hallen und stiegen lautlos die sanft geschwungenen Treppen auf und nieder.
Schüchtern und wie alle anderen Besucher den Blick züchtig gesenkt huschte ich durch den Raum, nickte hier und da und lächelte bescheiden. Die Priesterinnen hinter den zahlreichen Altären lächelten zwar ebenfalls. Aber ich wusste von früher: hinter dem Lächeln lauerte Strenge. Und diesmal wollte ich nichts falsch machen. Ich trat also vor den Altar meiner Wahl. Sprach die Worte. Erntete einen missbilligenden Blick und dennoch war mir Erfolg beschieden. Ich beendete das Ritual mit einer symbolischen Kniebeuge, besiegelte meine Handlungen mit dem rituellen Getränk und verliess den Tempel, nicht ohne einen Blick zurück zu werfen.
Wie konnte ich je Zweifel hegen?
Das hier verkörperte die machtvolle Religion unserer Zeit: der Glaube an die Macht der Kaufkraft, die unheilige kapitalistische Gier und die allumfassende ewige Macht der Werbung.
What else?
chamäleon123 - 19. Jun, 08:36
"Was liest Du gerade so?" fragte ein sozialpädagogisch geschulter Mensch kürzlich den Bären.
"Der weisse Neger Wumbaba.", antwortete der Bär.
Der Sozialpädagoge zuckte heftig zusammen.
chamäleon123 - 18. Jun, 13:01
Gerne würde auch ich interessant und klug reden können. Aber leider ist es so, dass ich nicht nur keine Rednerin, sondern nicht einmal eine Plauderin bin. Artig machen sich die Worte in meinem Kopf bereit, formieren sich zu Gedanken, Sätzen, Schlussfolgerungen – nur um dann kreuz und quer durcheinanderzupurzeln, wenn es darum geht, übers Sprachzentrum via Stimmbänder den Weg in die Aussenwelt zu finden. Ich verheddere mich in den Sätzen, verstricke mich in den Schlussfolgerungen und stolpere über jedes dritte Wort.
Ich will von einem Buch erzählen – und vergesse nicht nur Titel und Autor exakt in dem Moment, in dem ich ihn aussprechen will, sondern auch gleich wichtige Teile der Handlung. Ein Film? Zwar kann ich mich an Bruchstücke erinnern – aber: warum habe ich das jetzt gleich nochmal erzählt? Und Anekdoten aus meinem Alltag finde ich, kaum nehmen sie im Gespräch Gestalt an, für mich selber zwar durchaus bedeutungsvoll, aber für andere zweifellos so abgrundtief langweilig, dass ich sie innerlich gähnen sehe und mein Gegenüber starre Gesichtszüge kriegt vor Ungeduld.
Das kleine Glück ist zu banal zum Erzählen und wenn das grosse Glück im kleinen eingebettet ist, kann man das einfach nicht in Worte fassen.
Nicht, dass ich mich langweilen würde, wenn andere darüber erzählen. Blumen im Garten. Bereichernde Begegnungen. Einfache Dinge, die leuchten im Alltag. Stundenlang könnte ich zuhören. Aber wie schildere ich selber diese überhellen Lichtstrahlen? Das Lachen des kleinen Wolfes, wenn er etwas erzählt. Der Bär, wie er auf dem neuen Trampolin springt und glücklich aussieht. Ein Satz in einem Buch, der im Gehirn Musik und Bilder gleichzeitig generiert. Lilien, Glyzinen, Pfingstrosen im Garten. Der Liebste, der einfach da ist. Zusammensein mit Menschen, die einem wichtig sind.
Nichts, was man einfach so erzählen kann.
chamäleon123 - 7. Jun, 14:15
"Heute ist immer die Rede von Dingen, die wir noch nicht haben, während man von Dingen, die wir haben, überhaupt nicht mehr spricht. In so einem merkwürdigen Land lebe ich."
der chinesische Schriftsteller
Yu Hua in der online-
Zeit
chamäleon123 - 7. Jun, 12:43
"Du bist eine Spassverderberin", knurrt der kleine Wolf. Weil er duschen muss.
chamäleon123 - 7. Jun, 12:40
Es ist doch recht praktisch und so zeitsparend. Heutzutage kann man auch seine moralische Entrüstung, sein tägliches Quantum Betroffenheit oder das Portiönchen Anteilnahme an den Schicksalen der weniger Glücklichen und Zufriedenen auf unserer Welt einfach und mit wenigen Klicks erledigen. Man trägt sich auf facebook als Mitglied der "Mütter von Tiananmen" ein, kopiert weise Sprüche, am liebsten auf chinesisch, oder spendet online für Waisen aus Biafra, indem man auf ein buntes Banner klickt.
Solcherlei Gesinnungsbekundungen haben zudem den Vorteil, dass man nicht nur einfach so im Stillen und völlig unbeachtet Edles denkt, sondern auch seine in wenigen Monaten zusammengenetzten 87654 facebook- oder Blog-Freunde darüber in Kennnis setzt.
Persönlichkeitswerbewirksam sozusagen.
Das wohlgefällige und in möglichst bunten Farben changierende Bild einer interessanten, facettenreichen, gebildeten, interessierten, vielseitigen und achweissnichtwie wunderbaren Persönlichkeit will schliesslich unaufhörlich neu gestaltet und an die Bedürfnisse eines ebenso interessanten, facettenreichen, gebildeten, interessierten, vielseitigen und ochweissnichtwie wunderbaren Umfeldes angepasst werden.
Betroffenheit gehört da unbedingt mit drauf.
chamäleon123 - 5. Jun, 10:04
Truth and Lie
Truth and Lie went to the river for a bath. . .
Lie went out of the water first and stole Truth's clothes, Lie refused to return it to Truth.
The stubborn Truth will not put on Lie's clothes no matter what, so he walked home naked. . .
From then on,
People only see Lie wearing Truth's clothes,
and they can never accept the naked Truth.
gefunden bei: facebook-Gruppe "Tiananmen-Mothers" zum Gedenken an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juli vor 20 Jahren.
chamäleon123 - 4. Jun, 13:02