Bär & Wolf GmbH
Jaja, die Schweinegrippe, da kommen auch wir nicht drumrum. Jetzt gerade liegt die Lehrkraft des Wölfchens darnieder, die Hälfte der Klasse hängt im Wartezimmer des Kinderarztes herum und wartet auf das Testresultat und der Bär gibt sich redlich Mühe, anständige Symptome hinzukriegen. Er hustet angestrengt, wenn er daran denkt und torkelt mit einem saft- und kraftlosen Gesichtsausdruck herum, vor allem frühmorgens - immerhin besteht da eine klitzekleine Chance, dass ich mich erbarme und ihm den Schulbesuch streng untersage. Er würde hauchen "Ach, es geht schon..", wohl wissend, dass eine zu schnelle Flucht zurück ins Bett verdächtig wirken würde - bei 35,4 Grad Körpertemperatur. Leider lassen sich die unerbittlich digital piepsenden Fieberthermometer auch nicht mehr so gut manipulieren wie die guten alten Quecksilbermessstäbe zu meiner Zeit.
Es hilft nichts, der Bär zottelte auch heute zur Schule. Verärgert brummend. Den Husten hatte er wieder vergessen.
chamäleon123 - 18. Nov, 07:54
Kopfschüttelnd haben mich tugendhafte Eltern heute angeschaut, als ich des Wölfchens plastikgoldenes Rummelplatz-Krummschwert hielt, während er am Büchsenwerfen war. Ich fühlte mich einen winzigen Moment lang, als sei ich wieder 15 und hätte meine Punk-Jacke an (Armee-Look, ganz scheusslich). Es war grossartig und ich knurrte und schwang das Schwert, bis mich der Wolf mit einem Blick zur Ruhe mahnte.
Morgen, wenn er in der Schule ist, nehme ich den Mongolensäbel vielleicht zum Einkaufen, zerteile zwei bis drei Ananas damit und fühle mich wie Kara Ben Nemsi auf Abenteuertour. Da wird mir dann keine mit Smalltalk kommen!
chamäleon123 - 8. Nov, 20:10
Das mit dem gesunden Znüni ist ja auch so ein Dauerbrenner. Mal fordern Bär und Wolf Sesam-Knäckebrot, mal unbedingt Orangen, in mundgerechten Häppchen. Und fast immer hat man genau das grad nicht im Haus und keine Lust auf zermürbende Verhandlungen morgens um halb 7. Seit in der Schule die Gesundheitsayatollahs mit öffentlichem Zerstampfen von Halbweissbrotssandwiches und nicht-biologisch-angebauten Gurken drohen, ist die Sache noch komplizierter. Bald werde ich gezwungen sein, sämtliche Arbeiten aufzugeben und das Znünigemüse im eigenen Garten anzupflanzen.
Der Bär jedenfalls hat das Problem an der Wurzel gepackt und mir eines Morgens mutig gestanden, dass er seit Jahren sein Znüni verstohlen wegschmeisst, statt damit seinen Blutzuckerspiegel samt Konzentrationsfähigkeit zu päppeln. Er sei, begründet er dieses Verhalten, durch eine bis zur Unkenntlichkeit verschimmelte Banane schon in der ersten Klasse schwer traumatisiert worden und wolle nie mehr im Leben etwas Essbares in seinem Schulrucksack transportieren. Der Wolf, so erfuhr ich gestern, löste das Dilemma militärisch: er verwendete seine Biobanane in der grossen Pause als Laserschwert. Klar, dass er gegen die dynamisch-organischen Rüebli seines Gegners damit keine Chance hatte. Jetzt jongliert er jeweils mit drei Mandarinen - verstohlen in einer versteckten Ecke des Pausenplatzes: Mandarinen gibt's in unserem Grossvertreiler leider nur in IP-Qualität.
chamäleon123 - 29. Okt, 13:55
"Ich will kein Handy", sagt der Bär, "lieber geniesse ich jetzt noch meine Kindheit."
chamäleon123 - 17. Sep, 22:47
Den Bären nennen sie in der Schule seit Neustem "Jugo-Bär". Er hält die Finger zum Victory-Zeichen hoch - zweifellos hat das heute eine völlig andere Bedeutung, ich will für einmal nicht wissen, welche genau - und sagt "JoMann, schwör uf Dini MueterMann.", wenn ich ihn nach der Note im Franztest frage oder ob er heute schon Gitarre geübt hat. Mit verblüffend überzeugendem Idiom brummt er "wottschmi stresseMann, gitz eis uf.." hier insistriere ich meistens. Muss ich ja, als Erziehungsberechtigte. Aber ich lache, heimlich oder prustend am Mittagstisch, politisch überhaupt nicht korrekt, wenn der Jugobär loslegt. VollkrassMann!
chamäleon123 - 7. Sep, 22:45
Für die Hausaufgaben hat der kleine Wolf rund 10 Minuten. Für das Lamento vor- und nachher je 45 Minuten. Da kommt ganz schön was zusammen.
chamäleon123 - 3. Sep, 13:54
Der Lehrer des kleinen Wolfs macht Testläufe für das Klassenrundtelefon. Er sagt morgens um sieben Dinge wie "Alle sollen einen Zettel mitbringen, auf dem ein A steht. Dies ist ein Test." Ich habe das sofort weitergemeldet; schliesslich muss das klappen, wenn dereinst die Grippe tobt und die Lektionen reihenweise ausfallen.
Der Wolf allerdings zottelte ohne Zettel in die Schule. Ich vergass, es auch ihm zu sagen, das mit dem A-Test.
Heute schellte der zweite Testruf. Diesmal: ein B auf dem Zettel. Wahrscheinlich wollte der Lehrer unsere Fähigkeit schulen, kleine, aber wichtige Nuancen zu registrieren. Ich schaffte das und war sehr erstaunt, dass ich darüber einen nicht unerheblichen Stolz empfand: Auftrag! Aufgeführt!
Wahrscheinlich ein altes Schultrauma.
Später sinnierte ich angestrengt darüber nach, ob Lehrkräfte Listen über Eltern führen. Frau Chamäleon, hiesse es dort, :nur temporär zuverlässig. Leistung: mangelhaft.
chamäleon123 - 26. Aug, 19:03
Ach, wie die Zeit vergeht. Der Bär hat jetzt dieselbe Schuhgrösse wie ich und einen eigenen Deoroller. Und am Wolf sind quasi über Nacht alle niedlichen T-Shirts auf Bauchfreigrösse zusammengezurpft. Er trägt jetzt die Shirts des Liebsten und ausserdem geht er jetzt in Hip-Hop-Schuhen durch den Tag, mit wiegendem Gang, Kapuze und finsterem Blick und ich kann von Glück reden, dass die Schuhverkäuferin, die mit verschwörerischer Miene murmelte: "Die Jungen tragen das jetzt mit offenen Schnürsenkeln..." schon weit über 50 und somit nicht massgebend für Schuhtrends war.
chamäleon123 - 21. Aug, 13:30
Es ist vollkommen richtig, was allerorten über die zentrale Bedeutung von Sport- und anderen Vereinen in der Erziehung von Wölfen und Bären berichtet wird, denn dort lässt sich überaus trefflich nicht nur – zum Beispiel – fürs Fussballfeld, sondern vor allem fürs Leben lernen. Hier wie dort fängt es schon mit der Wahl der korrekten Kleidung an: wehe, man kickt unbekümmert im ManU-Dress, wenn gerade rot-blau angesagt ist oder Lazio Rom.
Und was angesagt ist, sagt nicht der Trainer oder Papa am Spielfeldrand, sondern die Leader. Die Leader, das ist die Gruppe, die sich überall aus ungefähr denselben Individuen zusammensetzt: der Grosskotz, ein tumber Prügeltyp, der vor keiner Dummheit zurückschreckt, wenn er nur damit ihn beeindrucken kann: den Coolen. Der Coole ist wirklich cool, hat den geilsten Haarschnitt, einen handgenähten Lederball, eine schöne Mama und einen reichen Papa. Umgekehrt ist uncool, leider.
Dann gibt es noch den servilen Vizegrosskotz, der erst kleine Töne spuckt, aber er lernt rasch. Der Tross schliesslich sind jene drei bis vier Typen, die immer um den Coolen oder aber den Grosskotz herumscharwenzeln, sie zu jedem Geburtstag einladen und abwechselnd beeindruckt raunen (Prahlerei) oder laut schallend lachen (Witz). Diese Aufteilung lässt sich bedenkenlos in ein anderes Umfeld transferieren: auch als Verwaltungsrat, politisches Gremium oder als Abteilung des einen oder anderen Unternehmens geben Leader in fast haargenau derselben Zusammensetzung den Ton an. Dasselbe soll, höre ich hier und da, auch bei Leaderinnen nach nur leicht abgewandelten Grundsätzen funktionieren. Aber ich komme sehr selten dazu, solches zu beobachten.
Der Wolf nun, um endlich auf den Punkt zu kommen, ist kein Freund von Massenversammlungen und wenn es statt ums Kicken immer mehr ums Grosskotzen geht oder um kleine doofe Töne, legt er die Ohren an, knurrt und will nicht mehr im Rudel sein.
Man versteht das, nicht nur als eher einzelgängerisches Chamäleon, nur allzu gut und möchte ihm stolz auf die Schulter klopfen. Aber man weiss auch: wenn er sich jetzt vor der Meute duckt, wird ihn das nicht stärken. Und man sagt zum kleinen Wolf unerträgliche Dinge wie ach komm oder denen zeigst dus jetzt oder tu einfach so, als ob du nichts hörst.
Abends schämt man sich dann sehr. Nichtsdestotrotz.
chamäleon123 - 10. Aug, 22:40
Der Bär ist sehr brummig und das ist nur verständlich: er muss heute in der Schule schlafen.

Ein Projekt, findet er, das nur Streberinnen anstelle eines ordentlichen Abschlussfestes mit Pizzaessen oder Grillabend anzetteln können. Dass sich auch die Unterrichtenden Schöneres vorstellen können, als die Nacht mit 21 kichernden und einander knuffenden Fünftklässlern im Klassenzimmer zu verbringen, ist ihm herzlich egal.
Selber schuld, knurrt er,
sie hätten es ja verbieten können. Und nach zwei Stunden Strafhäkeln statt Pingpongturnier in der letzten Primarschulhandarbeitsstunde seines Lebens hat er zudem zähnefletschend beschlossen, seinen Lehrkräften nun doch kein Geschenk mitzubringen. Obwohl er ein nettes Präsent besorgt hat, nachdem er entschied:
Sie mussten sich schliesslich auch jahrelang mit mir herumärgern.
Ich überlasse diese Entscheidung ihm. Schliesslich haben die Pädagoginnen mit satten schwarzen Kreuzchen im Zeugnis vergangener Jahre sein Sozialverhalten aufs Schärfste gerügt.
Da muss man sich nicht wundern.
chamäleon123 - 25. Jun, 16:07